Regiestatement
Ein Rollstuhl ist ein wahnsinnig uncooles Requisit, im Film wie im Leben. Man kommt damit keine Treppe hoch, er macht Wellen in den Teppichboden, man wird mitleidig angeguckt, und Rollstuhlfahrer im Film gelten ohnehin als Kassengift. Es war keine bewusste Entscheidung, sich diesen und anderen Herausforderungen zu stellen, es war eher eine Idee, die schon sehr lange da war und die irgendwann Gestalt annehmen musste. Unsere jüngste Schwester sitzt im Rollstuhl, wir wuchsen mit einer anderen Normalität auf, als die meisten Menschen. Ich selber war Zivi in der Individuellen Schwerstbehindertenbetreuung, und eines Tages, irgendwann in meiner Zivizeit, war da einfach dieser Satz: Ein Rollstuhlfahrer und sein Zivi verlieben sich in die gleiche Frau. Was das nach sich ziehen würde, war mir damals noch nicht so klar. Jahre vergingen, immer wieder sah ich Filme, die mit Behinderung hantierten, und sehr oft dachte ich: Hier stimmt etwas nicht. Es gibt eine Haltung, die ich im Leben kenne, aber im Film nicht wiederfinde. Es gibt eine Realität, von der noch nicht viel erzählt worden ist. Aber es gibt auch jenseits der Rollstuhlthematik
größere Strömungen in der Gesellschaft, die sich am Beispiel unserer Dreiecksgeschichte sehr klar erzählen lasen. Wir sind umgeben von perfekten Körpern. Schönheitsideale sind viel mehr in unseren Köpfen verankert als bei den Generationen vor uns. Unser Körper ist nicht mehr sterbliche Hülle einer unsterblichen Seele, sondern Visitenkarte, Repräsentationsfläche und Schauplatz unseres möglichst perfekten Lebens. Für einen Behinderten ist der Kontrast zwischen den medial unterfütterten Wunschvorstellungen und der eigenen Realität natürlich besonders krass, aber das ist nur die gesteigerte Variante von Problemen, die wir alle kennen.
Andererseits ist ein klassisches Instrument, das man immer als schweren Kasten mit sich herumschleppt und an dem man jeden Tag acht Stunden üben muss, auch eine Art Behinderung. Da ergibt sich die Frage: Was ist eigentlich Behinderung? Ist sie, wie manche sagen, ein ausschließlich soziales Konstrukt? Wie weit können wir uns durch die Kreativität unseres Geistes aus unserer Situation befreien, bevor unsere biologische Natur uns befiehlt, Sex zu haben und uns fortzupflanzen, und uns so wieder auf unseren Körper zurückwirft?
All diesen Fragen muss ein Film sich stellen, wenn er so ein Thema anschneidet. Und trotzdem wollte ich um alles in der Welt keinen tiefernsten Thesenfilm machen. Ich glaube fest daran, dass Kino beides gleichzeitig kann, nachdenken und unterhalten. Ich glaube auch, dass Filme, die beides hinkriegen, die spannendsten sind, die am längsten beim Betrachter nachwirken. Zumindest sind es die Filme, die ich am liebsten sehe. Musik und Kunst und Sprache und Animation und höherer Blödsinn, all das hat seinen Platz im Leben unserer Protagonisten und damit auch im Film. Der Rollstuhl und seine Folgen spielen eine gewichtige Rolle, aber im Kern geht es um drei Freunde, die Liebe und den Rest des Lebens und mir persönlich ging es einfach darum, einen Film zu machen, wie ich ihn selber gern sehen würde.
Dietrich Brüggemann
